Ein Buch, mich zu knechten

Es kommt nicht häufig vor, dass ich nach zweihundertfünfzig eng beschriebenenen Seiten in gefühlter Schriftgröße 5 in einem Roman noch immer das Gefühl habe, erst ganz am Anfang einer Geschichte zu sein. Ayn Rands „Atlas Shrugged“ gibt mir dieses Gefühl. Es ist ein wahres Monster von einem Buch. Mehr als tausend Seiten, die wirklich sehr viel dichter bedruckt sind als in den meisten anderen Büchern, natürlich im englischen Original und damit nicht so flüssig zu lesen wie in Deutsch, stellen eine echte Herausforderung dar. Aber ich will es ja auch gar nicht anders. Schließlich ist mir meine begrenze Lesezeit zu schade, um einfach schnell irgendwas zu lesen. Dann lieber etwas, das sowohl vom Umfang her als auch vom Inhalt fordert.

Mein derzeitiger Eindruck vom Buch lässt sich wie folgt beschreiben: Frustrierend-dystopische Gesellschaftsvision trifft auf „über“- bzw. „un“menschliche Charaktere, die an der Grenze zur Soziopathie entlangstreifen, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Ernst nehmen kann und darf man Figuren wie Hank Rearden und Dagny Taggart nicht, zu unrealistisch und aufgesetzt sind sie. Das konsequente Verneinen jeglicher menschlicher Emotion, jeglichen Gefühls und die komplette Fixierung auf beruflichen Erfolg mögen als Metapher funktionieren, nicht aber als glaubwürdige Charaktere. Als Gegenentwurf zur von Rand beschriebenen Gesellschaft, in der alles Individuelle entwertet und verteufelt wird, das Streben nach Erfolg als unsozial angesehen wird und an Kommunismus angelehnte Gleichmacherei betrieben wird, taugen sie dennoch ziemlich gut. Was allerdings den unrealistischen Eindruck weiter verstärkt ist die Tatsache, dass die Hauptpersonen quasi der gesamten Gesellschaft und schier unüberwindlichen Problemen die Stirn bieten und (bisher) immer erfolgreich sind. Scheitern, Resignation, Aufgabe, all das existiert nicht für Rands Hauptfiguren. Es ist natürlich ebenfalls Geschmacksache, seitenlangen Beschreibungen mehr oder minder uninteressanter Gedankengänge zu folgen und den kaum nachvollziehbaren, weil wirklich krankhaft auf Arbeit und Erfolg fixierten Gedanken der Hauptpersonen zu lauschen. Aber langweilig ist es nicht.

Ich bin sehr gespannt, wie sich die Geschichte weiter entwickelt, auch wenn es bei meinem derzeitigen Lesetempo (auf dem Weg zur und von der Arbeit ist einfach nicht viel Zeit) noch Wochen dauern wird, bis ich weiß, wie „Atlas Shrugged“ ausgeht.

Und danach „The Fountainhead“? Mal sehen.

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