Mostly Harmless

Eigentlich bin ich doch ganz nett, oder?

Aber ich kann die Leute ja sogar verstehen. Wer sein Wissen über Subkulturen aus dem Nachmittagsprogramm der Privaten bezieht oder BILD-Leser (und Ernstnehmer!) ist, muss zwangsläufig denken, da säße ein Satanisten-Nazi vor ihm. Wunderhübsch setzt der Betrachter in seinem Kopf ein Mosaik zusammen, das Stück für Stück ein Bild ergibt, das zwar konsistent erscheint, aber dennoch nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. So nimmt er wahr, so versteht er, der Narr. Und wer will es ihm verdenken?

Natürlich verfügt jede Subkultur über ein mehr oder weniger eigenes Repertoire an Symbolen und (was ausschlaggebend ist!) damit verknüpften, meist nur im Szenekontext relevanten Bedeutungen. Es ist also Außenstehenden zumeist kaum möglich, die dargebotenen Symbole so zu verstehen, wie sie gemeint sind. Der Normalbürger sieht ein Zeichen, sucht nach damit verknüpften Assoziationen und schwupps! schon ist da ein Bedeutungszusammenhang. Schwarze Sachen, Lederstiefel, Silberschmuck, Nietenhals- und Armbänder, dazu noch ein merkwürdiger T-Shirt-Aufdruck…fertig ist der Satanist! Wenn der dazu noch Glatze trägt, wird er eben zum Satanisten-Nazi hochgestuft. Klasse, Schubladendenken ist deswegen so beliebt, weil es so einfach ist.

Ich mache das natürlich auch. Wenn mir eine solariumverbrannte, blondierte Tussi entgegenkommt, die ihr falsches Gucci-Handtäschen schwingt, habe ich auch sofort eine Assoziation im Kopf. Obwohl ich weiß, dass diese Verallgemeinerungen blanke Faulheit sind, erleichtern sie auch mir den Alltag ungemein. Daher ist es mir durchaus bewusst, dass meine Kleidung bei anderen Menschen bestimmte (je nach individuellem Bildungsstand durchaus sehr verschiedene) Assoziationen weckt. Wenn das sich aber so äußert, dass ich hin und wieder erleben, dass Menschen sich lieber woanders hin setzen als neben mich (und nein, ich verströme keinen modrigen Patchouli-Geruch), finde ich das schon mehr als seltsam. Andererseits bemerke ich zu meinem großen Erstaunen immer wieder, dass gerade ältere Menschen das „Schwarze“ offenbar eher positiv aufnehmen. Es gab immer mal wieder Situationen, in denen jemand trotz Dutzender andere Personen drum herum, mich um Rat fragte. Das fiel mir nur auf, weil das zumeist Situationen waren, in denen ich nun wirklich ausgehfein zurechtgemacht war. Sehr spannend, auf jeden Fall. Vielleicht hängt es ja doch damit zusammen, dass die Älteren andere Sendungen im Fernsehen schauen?

Natürlich wäre es illusorisch zu verlangen, dass Menschen sich das überall auf der (digitalen) Straße herumliegende Wissen auch mal aneignen, um Symbole und Strömungen besser verstehen zu können, aber man wird ja noch träumen dürfen. Bis dahin versuche ich einfach, als „mostly harmless“ durchzugehen, wobei es mir prinzipiell herzlich egal ist, was andere von meinem Aussehen halten. Doch anderen ein Gefühl der Unsicherheit zu vermitteln, weil sie meinen, dass ich gleich meinen Ritualdolch zücke und ein Menschenopfer verlange und dabei vielleicht aus „Mein Kampf“ zitiere (vgl.: „Satanisten-Nazi, der“), liegt absolut nicht in meinem Interesse.

Vielleicht sollte ich wieder öfter ein wenig Kajal auflegen und schwarzen Nagellack tragen, dann hält man mich wenigstens nur für schwul. Das ist auf jeden Fall besser als Satanisten-Nazi. Auch wenn es genauso wenig stimmt.

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