Um Gottes Willen, was für ein Bullshit

Ich muss zugeben, dass ich, nachdem ich den Artikel gelesen hatte, sofort nachgeschaut habe, ob ich nicht doch beim „Postillon“ gelandet war. Doch der Artikel „Wer an Gott glaubt, hat den notwendigen Horizont“ ist offensichtlich ernst gemeint und läuft unter „Meinung“. Und wurde bei tagesspiegel.de veröffentlicht.

Schon im Intro zum (glücklicherweise) kurzen Artikel schreibt Frau Keller in religiöser Extase absoluter Objektivität:

Acht der zehn bisherigen Bundespräsidenten waren Protestanten. Und das ist gut so. Joachim Gauck, der evangelische Theologe, bringt die besten Voraussetzungen mit für das höchste Amt im Staat.

Ja, richtig, es geht um ein weltliches Amt in einem Staat, der keine Einmischung der Kirche in staatliche Angelegenheit (und umgekehrt) erlaubt. Offiziell. Nun ist es in einem freien Land ja jedermanns (oder -fraus) gutes Recht, eine Menge Unsinn zu schreiben. Ich nehme dieses Recht ja auch gern in Anspruch. Doch allen Ernstes der Meinung zu sein, man müsse religiös sein (um genauer zu sein: an den christlichen Gott glauben), um ein weltliches Amt vernünftig (oder: besser als ein Nichtgläubiger) bekleiden zu können, ist nicht nur paradox, sondern totaler Bullshit.

Weiter schreibt Keller:

Einen Konfessionslosen gab es noch nie in diesem Amt. Das ist kein Zufall. Der Bundespräsident sollte jemand sein, der über den Tag hinausdenkt und gesellschaftliche Zusammenhänge vor einem Horizont zu deuten vermag, der den Alltag übersteigt.Wer an Gott glaubt, hat einen solchen Horizont. Er weiß, dass es eine Alternative gibt, dass das Naheliegende nicht immer das Beste ist.

Aha, eine Alternative. Ein Horizont, der den Alltag übersteigt. Anders formuliert: Atheisten und anderes Gewürm leben halt nur so in den Tag hinein, kennen keine Ethik und keine Moral und sind sowieso alle komplette Vollidioten, ja? Weil wir Ungläubigen (gut, technisch gesehen bin ich Agnostiker, aber Details werden ja gemeinhin überbewertet) nicht an eine Mythologie glauben, für die es keinerlei greifbare Beweise gibt? Einfach an Gott glauben und schwupps! schon lebt man ein moralisch einwandfreies Leben im Einklang mit der Natur und überhaupt allem…Moment, da gibt´s aber jede Menge Gegenbeispiele. Zieht also nicht als Argument.

Wie eingangs schon angedeutet, als Satire wäre der Artikel von Frau Keller wirklich grandios geeignet, aber bei allen Göttern (mir sind polytheistische Religionen ohnehin sehr viel sympathischer), er ist ernst gemeint!

Aber kurz vor Schluss legt Frau Keller sogar noch mal nach, denn auch Glaube ist nicht gleich Glaube, besser gesagt sind manche Gläubige eben sogar noch besser geeignet für das Amt des Bundespräsidenten als andere. Hierzu heißt es:

Worte können Herzen öffnen, neue Perspektiven weisen und Feuer entfachen. Protestanten wissen das mehr zu schätzen als Katholiken. Der evangelische Pfarrer gewinnt seine Zuhörer durch die Predigt, nicht durch Weihrauch.

Ich höre jetzt auf, mich darüber aufzuregen, sonst wird mir noch richtig schlecht ob dieser maßlosen Arroganz.

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