Genetisches Halbwissen

Ja, ein Aufenthalt auf einem Flughafen führt bei mir manchmal dazu, dass ich mich Dingen zuwende, die mich sonst eher nicht interessieren. Postkartenständer sind ein Beispiel dafür.

Ich entdeckte eine Postkarte der Jusos, in der es inhaltlich darum geht, dass die CDU in Baden-Württemberg eine gesetzliche Verpflichtung fordert, nach der bei jeder erkennungsdienstlichen Behandlung eine DNA-Probe genommen werden soll. Die Jusos sind dagegen. Gut, ich halte auch nichts davon, von jedem Menschen Daten zu sammeln, wenn es dafür keinen guten Grund gibt. Aber, und hier wird es interessant, die Jusos sind noch aus einem ganz anderen Grund dagegen, wie es auf der Postkarte heißt:

Bisher sind DNA Analysen nur durch richterliche Anordnung oder bei schwerwiegenden Straftaten möglich. Und das hat auch einen guten Grund: Die DNA ist viel mehr als nur ein ein [sic!] Fingerabdruck. Sie ist dein genetischer Bauplan.

Klingt dramatisch, oder? Ist aber in diesem Zusammenhang grundfalsch!
Denn, so heißt es z.B. bei Mark Benecke:

ein genetischer Fingerabdruck sagt nichts über physische oder psychische Eigenschaften der untersuchten Personen aus. Er gleicht einem abstrakten Strichcode, der ebenfalls keine Aussage über die Eigenschaften des einzelnen Produktes enthält („Dem Täter auf der Spur“, S. 200 f).

Und natürlich hat Herr Benecke recht, denn für den „genetischen Fingerabdruck“, und um nichts anderes geht es hier, werden nur nicht-codierende Segmente der DNA verwendet, keine codierenden. Das bedeutet, jeder Mensch hat zwar einen individuellen (genetischen) Fingerabruck, dieser macht aber keinerlei Aussagen über die Person als solche. Klar, anhand des normalen Fingerabdrucks kann die Polizei lediglich sagen, ob eine bestimmte Person am Tatort war, aber nicht, ob sie blonde Haare, blaue Augen oder sonst irgendein genetisches Merkmal hat. Ganz genau so sieht es auch mit dem genetischen Fingerabdruck aus. Niemand speichert das komplette Genom eines Menschen einfach nur so, weil es sinnlose Speicherplatz- und Zeitverschwendung wäre, die natürlich in der Tat auch einen beträchtlichen Eingriff in die persönliche Freiheit des Einzelnen darstellen würde.

Als Wahlkampfthema sind Datenspeicherwut und ähnliche CDU-typische Auswüchse sicher geeignet, ein wenig Recherche im Vorfeld würde den Jusos aber gut zu Gesicht stehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s