Recherche mal anders keine

Okay, eine andere Herangehensweise an die journalistische Arbeit mag manchmal nützlich sein. Recherche sollte allerdings IMMER dazu gehören. Nicht wie im Falle eines Artikels über :wumpscut:, den der Stern 2008 veröffentlichte. Hier hat man auf Recherche einfach mal geschissen verzichtet, und stattdessen haltloses Halbwissen, dümmlichste Vorurteile und eine beispiellose Unkenntnis an den Tag gelegt.

Herr Arnsperger schreibt im Artikel Folgendes:

Die Lieder heißen „Totmacher“ oder „Untermensch“, die Texte sind menschenverachtend, die Musik aggressiv. Auch der finnische Amokläuder Matti Juhani Saari hörte den Horror-Rock von Wumspcut. Dahinter steckt ein dubioser Musiker, der Kontakte zur rechten Szene hat und dessen Band mit einem Mord in Verbindung stand.

So, in diesem Satz stecken drei Fehler. Wer findet sie? Freiwillige vor! Wie, niemand? Also gut: zum einen ist „Horror-Rock“ so ziemlich das genaue Gegenteil der Musik von Wumpscut, zum anderen hat Rudy (soweit ich weiss) keine „Kontakte zur rechten Szene“ (gut, der Blutharsch-Typ…da bin ich mir nicht so sicher, wo der hingehört) und mit einem Mord steht der Gute auch nicht in Verbindung.

Hätte Journalist Schreiberling Arnsperger mal tatsächlich „Untermensch“ gehört, wüsste er, dass das Lied am Schluss ein Sample aus „Die Blechtrommel“ enthält: „Es war einmal ein leichtgläubiges Volk, das glaubte an den Weihnachtsmann. Aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann.“ Um wen mag es dabei wohl gehen? Die Irakis und Saddam? Die Russen und Stalin? Nein, die Deutschen und Hitler. Was sagt uns das? Im Lied „Untermensch“ geht es keineswegs um die Verherrlichung des Dritten Reiches, sondern im Gegenteil um die Ablehnung der Ideologien aus dieser Zeit. Aber egal…Recherche wird sowieso überbewertet.

Weiter:

Rudy Ratzinger kann sich auf das Verständnis seiner Anhänger verlassen. Eine Unterstützung, die allerdings einem Mann gilt, der offen mit Neonazi-Symbolik kokettiert. So hat Ratzinger mit der Band „Blutharsch“ zusammengearbeitet, die nach einem Urteil des Landgerichtes Frankenthal als Neonazi-Band bezeichnet werden darf. Auch hat Ratzinger nach Angaben des Magazins „Sonic Seducer“ für seine Lieder Sprachausschnitte von NS-Richtern verwendet. In einem Wumpcut-Song sagt eine Kinderstimme deutlich hörbar: „Eines Tages werden wir die ganzen dreckigen Nigger und Juden töten und dann wird alles sauber sein.“ Einem seiner Alben hat Ratzinger den – auf Menschen bezogen – historisch belasteten Namen „Schädling“ verpasst, eine andere Wumpscut-CD heißt „Music for a german tribe“.

Jaja, der Blutharsch. Machen seltsame Musik und verwenden kontroverse (?) Symbolik und Samples. Soweit trifft das auf sehr viele Bands (nicht nur aus der Schwarzen Szene) zu. Eine Band als Neonaziband bezeichnen zu dürfen, bedeutet noch lange nicht, dass sie auch zwangsläufig eine sein muss. Ist hier aber nicht das Thema.

Samples aus der NS-Zeit werden nicht nur von Wumpscut verwendet, und soweit ich weiß stammt das angesprochene Sample aus einem Film, nicht aus einer Rede eines NS-Richters. Das Wort „Schädling“ könnte natürlich Menschen bezeichnen. Wird Rammsteins „Mutter“ jetzt auch als „rechtes“ Album angesehen, weil Mütter unter Hitler einen besonderen Status innehatten? Wohl kaum.

Ja, und zum Schluss noch ein echtes Schmankerl: „Music für a german tribe“ ist gewissermaßen eine Neuaufnahme von Songs, die vorher u.a. auf dem Album „Music for a slaughtering tribe“ enthalten waren (daneben stammen einige Titel auch von der „Bunkertor 7“ und der EP „Gomorrha“). Der Name „german tribe“ leitet sich also woraus her? Sie haben´s gleich…na, kommen Sie schon! Richtig: Weil die im Original englischen Texte ins (wer hätte das auch ahnen können) Deutsche übersetzt wurden. So, nix mit Nazischeiß, einfach nur deutsche Lyrics.

So, ich komm´ dann auch zum Ende:

Doch das reicht dem Magazin „Sonic Seducer“ nicht, sagt Thorsten Schäfer: „Wir boykottieren Ratzinger, weil er sich nie wirklich glaubwürdig von der Band Blutharsch und den Rechtsextremismus-Vorwürfen distanziert hat.“ Überhaupt scheint Ratzinger nichts von offensiver Öffentlichkeitsarbeit zu halten. Eine Interview-Anfrage von stern.de ignorierte der Wumpscut-Macher. Fragen beantwortet Ratzinger grundsätzlich nur per email, heißt es in der Szene. Unangenehme Nachfragen schließt er so aus.

Jaja, der Sonic Seducer. Soweit ich weiß, war es eher so, dass Rudy die Nase voll hatte vom Sonic Seducer, der nicht locker lassen wollte, den Musiker wegen der Zusammenarbeit mit „Der Blutharsch“ in die rechte Ecke zu schieben. Also, ich finde, das ist offensive Öffentlichkeitsarbeit: einem der größten „schwarzen“ Magazine den Stinkefinger zeigen.

Unangenehme Nachfragen werden ausgeschlossen…soso. Wahrscheinlich hatte Rudy schon des öfteren mit Journalisten Menschen wie Herrn Arnsperger zu tun. Man hätte eine Mail an Rudy schreiben können, aber hey, es geht ja auch ohne. Wie man sieht, werden Artikel über Wumpscut ja auch völlig ohne Recherche fertig.

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