Absurdistan

„War da nicht letztens was in Winnenden? Hat da nicht irgendwer irgendwen ermordet? Hat der nicht auch einen Computer besessen, auf dem Counter-Strike lief? Dann verbieten wir doch mal schnell die Intel Friday Game Night, nicht, dass da noch was passiert!“ So oder ähnlich könnten die Herren und Damen im Bürgermeisteramt Nürnbergs gedacht haben, als sie die Entscheidung fällten, die für den 29. Mai angesetzte iFGN wegen allgemeiner Dummheit aus politischen Gründen kurzerhand zu verbieten.

Bei readmore.de heisst es dazu:

„Auf eine Anfrage hin verwies ein Sprecher direkt auf die Gräueltaten von Winnenden vor einigen Monaten. Aufgrund dieser Ereignisse, bei denen auch vermehrt Computer-Spiele als angeblicher Auslöser in den Mittelpunkt rückten, sei ein solches Event in Nürnberg derzeit nicht denkbar.“

So, nochmal zum Mitschreiben: In Winnenden wurde niemand durch, wegen oder mithilfe eines Computerspiels getötet. Vielmehr war ein psychisch gestörter junger Mensch, dem das Schiessen in einem Schützenverein beigebracht wurde und der in seinem Elternhaus Zugang zu einer legalen Schusswaffe hatte, für die Tat verantwortlich. Dass der Täter in seiner Freizeit Ego-Shooter gespielt hat, ist sowohl für das jugendliche Alter völlig normal, als auch als Quelle der Aggression, des Schießtalents, des Zugangs zu Waffen und der letzlichen Tatausführung auszuschließen. Mir ist darüber hinaus kein Spiel bekannt, in dem es das Ziel ist, nach begangener Tat Selbstmord zu begehen, aber das nur am Rande.

Die Argumentation, dass sich Gewaltdarstellungen in Medien (insbesondere in Spielen) negativ auf die Psyche der Konsumenten auswirkt, wird gern ins Feld geführt, ohne dass dafür aber irgend welche Beweise existierten. Der Boxsport gilt auch nicht als Keimzelle für gewalttätige Schläger, oder? Nein, in diesem Falle wird Boxen sogar oft als Resozialisierungsmaßnahme für straffällige Jugendliche genutzt. Gewalt als Therapie? Scheint ja beim Boxen in Ordnung zu sein, zumal man dort tatsächlich und direkt physische Gewalt ausübt. Jaja, das ist doch aber Sport, denken Sie jetzt vielleicht. Sehe ich nicht so. Beim Boxen, zumindest im Schwergewicht, gewinnt derjenige Schläger Sportler, der seinem Gegner den meisten physischen Schaden zufügt, damit er als erster zu Boden geht. Auf virtuelle Pixelfiguren schießen macht also aus Jugendlichen gefühlskalte Killer, wenn sich die deutsche B-Promi-Liga aber vor dem Boxring tummelt und sehen will, wie ein Klitschko seinen Gegner zu Brei schlägt, das ist dann Kultur? Neeee, nicht im Ernst, oder?

Zu solchen Gelegenheiten kommt mir immer der Titel des Buches von Dieter Wischmeyer in den Sinn: „Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“.

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