Zweimal den Bock zum Gärtner gemacht

Ist es in Deutschland eigentlich irgendwo gesetzlich festgeschrieben, dass diejenigen, die als Vertreter einer Organisation oder Behörde mit der Presse reden, keine Ahnung haben dürfen? Es erscheint mir zumindest so, denn die GameStar bringt heute online gleich zwei Beispiele (1,2) dafür, dass manche Menschen lieber nichts sagen sollten, als sich öffentlich als vorurteilsbelastet und (in Hinsicht auf „Killerspiele“) ungebildet zu präsentieren.

Bock 1:

Der bayerische Medienminister Siegfried Schneider (wusste bislang nicht mal, dass es so einen Posten gibt) glänzt mit folgendem Statement:

„Das gemeinsame Ziel von Gesellschaft, Herstellern und Handel muss sein, die Zahl guter und kulturell wertvoller Spiele deutlich zu steigern… Es ist unbedingt notwendig, dass die die Computer- und Video-Spielbranche selbst den Jugendmedienschutz als eigene Kernaufgabe ihres Wirtschaftszweiges sieht“.

(Quelle)

Ähh, ja. Was will uns Herr Schneider damit sagen? Dass er von Kultur verlangt, in erster Hinsicht als Element des Jugendschutzes zu funktionieren? Der Jugendschutz ist sicher nicht Aufgabe der Industrie, egal welcher, sondern Aufgabe des Staates. Wenn Herr Schneider das anders sieht, sollte er seinen Posten vielleicht aufgeben und sich eine andere Beschäftigung suchen.

Steht nicht irgendwo (in einer unbedeutenden Randnotiz, die man aus Versehen überlesen kann), dass in Deutschland keine Zensur stattfindet? Wenn man Kulturschaffenden schon während des kreativen Entstehungsprozesses eines Kulturguts auf die Finger schaut und an eine übersteigerte, realitätsferne Vorstellung von Bevormundung einer ganzen Bevölkerungsschicht Jugenschutz gemahnt, dann ist das in meinen Augen nichts anderes als Zensur. Letztendlich würden Politiker wie Herr Schneider darüber entscheiden, welches Spiel, welcher Film, welche Musik, welches Buch in welcher Form (geschnitten, verstümmelt) auf den Markt kommen dürfte.

Sekunde mal…genau das geschieht doch in Deutschland bereits. Siehe auch hier.

Die Zahl guter und kulturell wertvoller Spiele zu steigern kann für den deutschen Handel nur wünschenswert sein, wenn diese wertvollen Spiele dann hierzulande auch verkauft werden dürften, oder? Angesichts der Tatsache, dass „Killerspiele“-Kritiker unter Berufung auf haltlose Behauptungen „Argumente“ das generelle Verbot von ganzen Sparten von Computerspielen fordern, würden dem Handel dabei beträchtliche Umsätze verloren gehen. Kaum ein Spieler kauft freiwillig die verstümmelten deutschen Versionen von Spielen, zumal diese meist in den großen Kaufhausketten extrem teuer sind, meist sogar teurer, als wenn man sich das ungeschnittene Original des Spiels anderswo kauft. Den Handel mit ins Boot zu holen, halte ich also für eine rein populistische Wortspielerei.

Bock 2:

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Hessen, Herr Heini Schmitt, ließ sich zu folgendem hinreißen, bezugnehmend auf Aussagen des G.A.M.E.-Verbands zum Amoklauf in Winnenden (dieser hatte betont, dass Verbotsforderungen einer Zensur gleichkämen):

„Das Bemühen, die Diskussion um eine mögliche Mitverursachung solch grauenvoller Taten wie des Amoklaufs von Winnenden durch Killerspiele möglichst schnell zu beenden und wieder zum virtuellen Spiel- bzw. Geldverdien-Alltag überzugehen, ist geradezu entlarvend offenkundig… Und nicht nur nebenbei sei gesagt, dass es ohnehin ein Armutszeugnis ist, wenn sich die Kreativität nahezu einer ganzen Branche weitgehend darin erschöpft, immer neuere, perversere Techniken zur virtuellen Tötung von Menschen zu entwickeln.“

(Quelle)

Die Kreativität einer gesamten Branche (naja, zumindest nahezu der gesamten) beschränkt sich also nach Ansicht von Herrn Schmitt auf das Entwickeln von Tötungstechniken. Was würde der wohl erst zu Mitarbeitern von Heckler & Koch, Glock, Magnum Reserach, Smith & Wesson u.a. sagen? Die stellen immerhin echte Waffen her, mit denen echte Menschen getötet werden können. Diese Aussage zeugt jedenfalls von (nahezu) unfassbarer Unwissenheit, Naivität und (ja, ich höre das heraus) Böswilligkeit gegenüber Computerspiele-Entwicklern. Wer, wenn nicht Perverse, könnten sich denn perverse Techniken zur (immerhin) virtuellen Tötung von Menschen ausdenken? Vielleicht geht Herr Schmitt da doch einen klitzekleinen Schritt zu weit.

Dabei lasse ich jetzt mal außen vor, dass Herr Schmitt augenscheinlich überhaupt keine Ahnung von der eigentlichen Materie hat, über die er sich hier zu urteilen gemüßigt fühlt.

Dieser Satz ist auch noch interessant:

„Die Welt wird nicht ärmer, wenn es keine Killerspiele mehr gibt; niemand braucht sie, ganz im Gegenteil… …Ein Amoklauf ist immer das Ende einer langwierigen Entwicklung. Und Killerspiele dürfen bei einer solchen Entwicklung nicht länger begünstigend wirken!“

(Quelle)

Herr Schmitt ist also nicht nur Polizist, sondern auch Pädagoge, Sozialwissenschaftler und Psychologe. Anders kann ich mir die implizite Aussage, dass ein direkter Zusammenhang zwischen „Killerspielen“ und Amokläufen besteht, nicht erklären. Glückwunsch, Herr Schmitt, Sie haben soeben bewiesen, dass Sie der aktuellen (wissenschaftlichen!!!) Debatte zu dem Thema nicht folgen. Dort herrscht jedenfalls auf keinen Fall Konsens über irgend eine wie auch immer geartete Beziehung zwischen virtueller und realer Gewalt (nachzulesen u.a. hier). Herr Schmitt scheint sich auf die „Recherchen“ von BILD, Frontal21 und ähnlichen „journalistischen“ Akteuren zu verlassen, anders ist diese unreflektierte Aussage nicht zu deuten.

Die Welt würde nicht ärmer, wenn endlich mal nur diejenigen, die sich mit dem Thema „Killerspiele“ auch wirklich beschäftigen, ihre Meinungen kundtun würden. Dies nur am Rande. Ob die Aussagen von Herrn Schmitt nun aus politischem Aktionismus oder tatsächlich als Konsequenz von Unwissenheit entstanden sind, kann ich nicht beurteilen, ich bin halt kein wissenschaftliches Allround-Genie wie Herr Schmitt.

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